Weiterempfehlen  

   

Zwangsverhalten bei der Katze

Details

bub katerVorweg rate ich bei zwanghaftem Verhalten zuerst zu einer umfangreichen tierärztlichen Untersuchung, da die Ursachen mannigfaltig sein können. Siehe auch "Psychogene Alopezie" im Text.

Wie bei uns Menschen so finden sich auch bei unseren Katzen Verhaltensweisen, die wir als zwanghaft bezeichnen dürfen. Eine häufige Ursache ist Überbelastung, etwa wenn die Katze zwischen zwei einander widerstrebenden Handlungsalternativen hin- und hergerissen ist. Ein Beispiel wäre die Katze, die einem Artgenossen einerseits entschlossen entgegen treten will aber andererseits aus Angst lieber fliehen möchte. Oder unser Stubentiger, der unsere Nähe sucht und sich zugleich nicht traut, weil wir bei Ihrem letzten Kommen wütend reagierten (aus welchen Gründen auch immer). Man findet derartiges Verhalten auch bei unseren Hunden. Sehr schön zu beobachten, wenn Hund etwa beim Zurückkommen nach dem zigsten Rückruf sinnlosest bestraft wurde. Wenn wir den Hund dann erneut rufen, will er einerseits kommen, hat aber andererseits Angst vor einer möglichen Bestrafung. Er weiß nicht, ob sie wütend sind wie das letzte Mal. Als Art Kurzschlussreaktion beginnt er sich dann womöglich im Kreise zu drehen. Man nennt dies einen „kognitiven Konflikt“.

Solch „kognitive Konflikte“ können ebenso die Ursache für so genanntes „Wollenuckeln“ und „Wollefressen“ (Picasyndrom) sein (verschiedene Gewebearten - von Baumwolle bis zu Papier - werden gewählt). Zu früh oder zu rasch entwöhnte Kätzchen ebenso wie unterernährte Kätzchen entwickeln gerne ein „Wollnuckel-Zwangsverhalten“. Manche Kätzchen benuckeln sich selbst, andere Katzen oder ihren Menschen. Kleine Kätzchen versuchen sich oft bis ungefähr zu einem halben Jahr auf diese Art Trost zu verschaffen und unter „normalen“ Umständen hört dann dieses Verhalten auf. Daraus kann sich ebenso ein länger währendes zwanghaftes Verhalten entwickeln.

Weitere Ursachen für zwanghaftes Verhalten können Langeweile, Frustration, Stress, Angst, Trennungsangst.... sein, insbesondere wenn diese über einen längeren Zeitraum fortbestehen. Katzen können aus unterschiedlichen Gründen frustriert sein wie aus Langeweile oder weil sie zu viel alleine sind und vielleicht auch noch unter Trennungsstress leiden. Oder möglicherweise streift ein fremder Kater am Fenster vorbei durch IHR Revier und sie kann gerade nicht hinaus! Ein hungrige Katze kann ebenso sehr frustiert werden, insbesondere wenn keine Möglichkeit besteht zu Futter zu gelangen. Katzen besitzen als Einzeljäger kleiner Beute nur einen kleinen Magen und essen daher mehrere kleine Mahlzeiten am Tag. Darauf sollte bei Wohnungshaltung Rücksicht genommen werden. Activity feeding ist bei Wohnungshaltung zudem empfehlenswert, immerhin steckt in jedem Stubentiger ein Raubtier. Sie sehen, Frustrationsgefühle sind auch in der Tierwelt weit verbreitet.

Im Zoo kann man zwanghaftes Verhalten sehr gut beobachten, etwa wenn Raubkatzen oder Wölfe hinter Gittern oder am Zaun entlang auf und ab laufen. Das Koppen bei Pferden zählt ebenso zu zwanghaftem Verhalten wie das Hin- und Herschaukeln der Giraffen. Nicht zu vergessen auch Schweine, die die Gitterstäbe ihrer Verschläge benagen.

Auch die sogenannte „psychogene Alopezie“ fällt unter Zwangsstörungen. Damit wird die übertriebene Fellpflege, das Ausrupfen und sogar das Fressen des eigenen Felles bezeichnet. Hierbei handelt es sich um ein kompensatorisches Putzverhalten, dass unserem Stubentiger hilft sich in für sie belastenden Situationen besser zu fühlen.


WICHTIG: Einer „psychogenen Alopezie“ kann ebenso wie jeder andere zwanghaften Störung auch immer eine organische Ursache zugrunde liegen. Lassen Sie Ihre Katze daher bitte immer zuerst sorgsam tierärztlich untersuchen! Unausgewogene Ernährung, Stoffwechselerkranungen, Nervenerkrankungen, Funktionsstörungen der Organe, Hyperkinese, kognitive Dysfunktion, Erkrankungen der Wirbelsäule und des Nervensystems, Schilddrüsenüberfunktion, verstopfte Analbeutel, Blasensteine, Hauterkrankungen, Nahrungsmittelallergien, Pollen, Schimmel, Flohstiche... all dies kann sich hinter einer Zwangsstörung verbergen. Zudem können genetische Gründe vorliegen. Untersuchungen ergaben, dass dieses Verhalten auch von den Eltern auf ihren Nachwuchs weiter gegeben wird.

Beispiel: KATZEN lecken sich das Fell vom Bauch bei Blasenentzündungen um den Schmerz oder die Angst vor dem Schmerz zu lindern. Dieses Verhalten kann eine Eigendynamik annehmen, sodass die Katze nach einer erfolgreichen Behandlung der körperlichen Erkrankung weiter schleckt. Es kann dann eine dumme Angewohnheit sein oder aber auch weiterhin dienlich zur inneren Beruhigung, weil sie etwas in ihrem Umfeld stresst oder beunruhigt. Katzen neigen außerdem zu Blasenentzündungen mit psychosomatischen Ursprung.

 

Das Putzen generell ist bei Katzen ein sehr selbstberuhigendes Verhalten. Man kann es immer wieder in unterschiedlichen Situationen beobachten, wie nach der Begegnung mit einer anderen Katze oder sogar nach einem kleineren Sturz. Wenn allerdings nicht nur kahle Stellen sondern auch Wunden die Folge sind, dann wird die Sache nicht mehr lustig. Dann ist wirklich Gefahr in Verzug. Zwar ist dieses Verhalten vermehrt bei orientalischen Rassen zu beobachten, aber jede Landkatze zeigt es ebenfalls. Angeblich zeigen es Kätzinnen häufiger als Kater, aber ich persönlich lernte bis dato viele Kater mit diesem Problem kennen. Menschen kanalisieren ihre Ängste auch nur zu oft in unterschiedlichen Suchtverhalten oder essen zu viel und Katzen kanalisieren ihre Ängste ebenso, häufig in Verhaltensweisen oder Aktivitäten, die ihnen vorübergehend Besserung verschaffen. Sich zu putzen verschafft Ihnen Linderung.

Kognitive Konflikte finden sich auch bei der psychogenen Alopezieals eine Ursachenmöglichkeit. Mit anderen Worten handelt es sich bei kognitiven Konflikten um eine Situation, in der die Katze zwei Dinge will, die sich aber gegenseitig ausschließen.

Wichtig ist auch hier, wie bei jeder Verhaltensauffälligkeit, die AUSLÖSER und URSACHEN auszuforschen. Manchmal ist Detektivarbeit gefordert. Sofern das Tier gesund ist, muss man sich auf die Suche nach – in Katzen Augen – möglichen STRESSOREN machen. Einerseits müssen wir versuchen diese Stressfaktoren zu beseitigen und andererseits der Katze helfen, mit nicht zu beseitigendem Stress besser klar zu kommen. Auch Frustration oder frustrierende Lebenssitutionen bedeuten Stress für die Katze.

Verhalten nicht verstärken, aber umlenken! Das heißt, jede Form der Beachtung des vermehrten Putzens – positive UND negative – verstärkt dieses Verhalten. Wenn Sie versuchen ihre Katze durch Streicheln oder ruhiges Zureden zu beruhigen, bestärken Sie sie in ihrem Tun. Zurechtweisungen können wiederum den Stresslevel erhöhen und so das Verhalten verstärken. Daher Verhalten umlenken BEVOR es angewandt wird. Bei den ersten Anzeichen, dass sich Ihre Katze gleich zwanghaft zu verhalten beginnt, lenken Sie sie ab wie etwa mit einem interessanten Spiel mit der Katzenangel. Aber spielen Sie nicht mit ihr, wenn sie mit ihrem zwanghaften Verhalten bereits begonnen hat. Dann wird es nur verstärkt.

Wichtig ist, die Lebensbedingungen der Katze zu verbessern wie etwa durch die Nutzung des dreidimensionalen Raumes. Die Unterstützung durch künstliche Pheromone (Pheliway Pheromonstecker und Spray) verhelfen zudem zu einem besseren Wohlfühlgefühl. Weitere Maßnahmen sind etwa Freifütterung, Snackspielzeuge, interaktives Spiel (!) (Jagdspiele, Katzenangel), offene Kartons, Kratzbäume, Fensterliegen, Aquarium, Mediationsmusik, Vogelhäuschen vor dem Fensterbrett. Vergessen Sie bitte nicht auf tägliche Abwechslung bei den Spielsachen, sonst wird’s bald mal langweilig. 2xtäglich gemeinsam durchgeführte Jagdspiele (optimal 30 min) um die Energien zu kanalisieren, Spannungen abzubauen und um ihr Selbstbewusstsein zu stärken, können wahre Wunder wirken und helfen unserer Katze zudem besser mit Angst und Stress umzugehen. Bringen Sie ihrer Katze, Ihrem Kater Gerüche aus der weiten Welt mit nach Hause, insbesondere natürliche Gerüche wie Zweige oder Steine oder Rinden. ber auch Schachteln oder Papiersackerl (Henkel unbedingt abtrennen) finden großen Anklang bei unserem Stubentiger.

Man kann die Katze als neugieriges Gewohnheitstier bezeichnen. Veränderungen sind nicht ihr Ding! Rasch reagiert sie auf Veränderungen mit Unsauberkeit oder Markierverhalten, um sich durch ihren eigenen Geruch wieder sicherer zu fühlen. Indem Sie ihr immer wieder neue Gerüche bringen und ihr ein wenig Abwechslung bieten, fällt es ihr leichter auch mit anderen Veränderungen wie einem neuen Möbelstück klar zu kommen.

Clickertraining ist zudem bei Zwangsstörungen sehr empfehlenswert.

Halskrause, Trichter oder Käfighaltung unterbinden nur vorübergehend das zwanghafte Verhalten, löst es aber keinesfalls. Daher rate ich hier ab.

 

 

   
© Elke Söllner