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Qualzuchten

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2008-10-11.wwallsnord.78Es ist kein neues Thema, dennoch scheint es nicht an Aktualität zu verlieren. Für mein Dafürhalten führte ein gar seltsames Schönheitsempfinden zu krank machenden Auswüchsen in der Hundezucht. Vor rund 100 Jahren schauten viele Rassen noch ganz anders aus als heute. Unter anderem wirkten sie in ihrem Körperbau insgesamt häufig "leichter". Wenn die Veränderung nur die Optik beträfe, könnten wir es dabei belassen. Leider sind die gesundheitlichen Folgen schon längst nicht mehr unter den Teppich zu kehren. Der Bewegungsapparat ist ebenso oft beeinträchtigt wie die Schädelform und insbesondere die Nasenlänge. Das Kindchenschema setzte sich bei manchen Rassen zum Leidwesen von Mops & Co zu sehr durch. In diesem Zusammenhang werde ich auf die Brachyzephalie beim Hund etwas näher eingehen. Auf dem Foto ist eine wunderschöne Hundenase zu sehen, wie sie sein soll. Allein die Größe der Nasenlöcher gewähren einen kleinen Einblick, dass es sich hier aller Wahrscheinlichkeit nach um ein gut funktionierendes Organ handelt.

Ganz allgemein werden kurzköpfige Hunde als brachyzephal bezeichnet. Das Wort „brachis“ heißt kurz und „cephalus“ heißt  Kopf. Vielleicht hat der eine oder andere bereits von „Hydrocephalus“ = „Wasserkopf“ gelesen oder gehört. Er kommt auch bei uns Menschen vor. Bei Hunden gibt es Rassen, mit besonderen Neigungen zu einem Hdyrocephalus wie etwa der Chihuahua. Der Zwergwuchs fordert seinen Tribut.

Brachyzephalie bei unseren Hunden hat sich keineswegs auf natürlichem Wege entwickelt. Sie wurde vielmehr durch eine gezielte Zuchtauswahl forciert um das Kindchenschema mehr und mehr hervor zu heben. Insbesondere die Nase und das Unterkiefer wurden zu diesem Zweck im Zuge der Zuchtauswahl mehr und mehr verkürzt. Die für uns so süßen Stubsnasen konnten auf diesem Weg auch die erwachsenen Tiere behalten. Die Nasenhöhle wurde dermaßen verkleinert, dass die Nasenmuscheln fehlgestaltet ausgebildet werden und folglich in die ansonsten freien Atemwege hineinwachsen und diese verstopfen. Nicht umsonst sprechen wir in diesen Fällen von "Qualzucht".

Der Schädel des Hundes wird soweit verändert, dass es zu Deformationen aller oberer Atemwege, dem Gebiss, dem Mittelohr, den Augen und dem Gehirn kommt. Mittlerweile ist es kein Geheimnis mehr, dass kurzköpfige Hunde sehr häufig Probleme mit ihren oberen Atemwegen bekommen. Zusammengefasst werden diese unter dem Begriff Brachyzephales Atemnot-Syndrom (BAS). Typisch sind hier etwa verengte Nasenlöcher und Nasenhöhlen, ein verlängertes und verdicktes Gaumensegel sowie Veränderungen des Kehlkopfes. Mit etwas Glück findet man nur ein einzelnes dieser Merkmale, allerdings können auch alle gemeinsam auftreten. In jedem Fall wird die Atmungsfunktion beeinträchtigt. Dies führt zu einer  unterschiedlich lauten, schnarchenden Atmung bis hin zu hochgradiger Atemnot, Blaufärbung der Schleimhäute (Zyanose) und kann bei einem Kollaps enden. Hunde verfügen ohnedies über eine verhältnismäßig schlechte Thermoregulation. Brachyzephale Hund sind verständlicherweise noch mehr belastet. Bei wärmeren Temperaturen wie im Sommer, verschlechtern sich die Symptome und so sind Erstickungsanfälle nicht selten.

Rassen mit besagten zuchtbedingten Beeinträchtigungen fallen unter die sogenannten „Qualzuchten“. Von Brachyzephalie hauptsächlich betroffen sind der Mops, französische sowie englische Bulldogge, Shi-Tzu, Pekingesen, Boston Terrier und Boxer. Selbstverständlich gibt es auch Hunde dieser Rassen, die kaum bis keine Beschwerden aufweisen. Die Ausnahmen bestätigen die Regel. Zudem finden wir Brachyzephalie bei manchen Rassekatzen wie der Perserkatze und Exotic Shorthair. Auch bei ihnen kann es zu einer ausgeprägten Atemnot kommen.

Imgrunde wundert es mich nicht, dass meinem Hund alle schaufend, schnarchenden Rassen äußerst suspekt erscheinen. Imgrunde ist es ein sehr unnatürliches Verhalten und zeugt von einem „kranken“ Tier. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie wir Menschen erkennen können, dass unser Hund an Atemnot leidet. Alle schnarchenden Atemgeräusche, besonders im wachen Zustand, sind bereits ein Hinweis auf eine unnatürliche Verengung der oberen Atemwege. „Normale bzw. gesunde“ Atemwege verursachen weder in Ruhe noch bei angestrengter Atmung ein Schnarchgeräusch. Außerdem hecheln brachyzephale Hunde häufiger, sie können nur schlecht und teilweise gar nicht durch die Nase atmen und sind dementsprechend weniger belastbar. Das sollten wir immer berücksichtigen, wenn wir einer dieser Rassen ein Zuhause schenken. Viele von ihnen haben zudem beim Schlafen Atemprobleme. Desweiteren können Probleme bei der Nahrungsaufnahme auftreten, da diese Hunde während des Fressens nicht ausreichend Luft holen können. Dies alles kann soweit gehen, dass brachyzephale Hunde bei Stress, Wärme, Anstrengung, Belastung und im fortgeschrittenen Stadium, ohnmächtig werden und einfach umkippen. Dies alles ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Wie geht es denn uns, bei Atemnot? Dies ist eine Situation, die als lebensbedrohlich wahrgenommen wird. Imgrunde also eine massive Angstsituation und damit eine enorme Stressbelastung.

Dementsprechend ist Schnarchen in diesen Zusammenhängen als eindeutig gefährlich einzustufen. Falls jemand meinen sollte, dass das Schnarchen bei all diesen kurzköpfigen Rassen ein Laut des Wohlgefühls sei, irrt gewaltig. Ebenso unwahr sind Erklärungen wie etwa jene, dass es sich um Kommunikationslaute handelt. Es sollten dahingehend auch keinerlei Vergleiche wie etwa mit dem Schnurren der Katze oder vielleicht dem Grunzen des Schweines angestellt werden. Das Schnarchen dieser Rassen ist kein natürliches Verhalten. Es zeugt von einem „kranken“ Tier. Denn, alle Einengungen der oberen Atemwege, die zu schnarchenden oder pfeifenden und ähnlich seltsamen Geräuschen führen, zeigen eine Verlegung der Atemwege.

Wie bereits erwähnt verfügen unsere Hunde generell über eine schlechte Thermoregulation. Sie können nicht im gleichen Maße schwitzen wie Menschen. Wir machen es uns leicht, wenn es im Sommer heiß ist. Das Wasser unserer Schweißdrüsen wird über den ganzen Körper verteilt und verdunstet. Auf diesem sehr einfachen Weg entsteht die „Verdunstungskälte“, die ihrerseits das Blut in der Haut herabkühlt. Ein tolles System.

Anders verhält es sich bei bei Canis lupus familiaris und zugleich handelt es sich um das gleiche Prinzip. Unser Hund hechelt und nutzt ebenfalls das Prinzip der Verdunstungskälte. Zumindest jener mit einer „gesunden und normale Nase“. Denn seine Nase ist ein wahres Wunderwerk von feinsten Nasenmuscheln und dementsprechend verfügt er hier über eine große Fläche. Durch die Nasenmuscheln fließt die Einatemluft und erzeugt auf der durch Drüsen befeuchteten Oberfläche die Verdunstungskälte. Bei Brachyzephalen Tieren, sind die Nasenmuscheln derart verkleinert und kaum belüftet, wodurch die Thermoregulation nicht mehr funktionieren kann. Aus diesem guten Grund sind brachyzephale Rassen bei Hitze besonders gefährdet. Sie sind generell wärmeempfindlicher und benötigen nach einer Belastung eine längere Erholungsphase.

Es ist nahe liegend, dass diese Form der Atemprobleme nicht irgendwann einfach verschwindet. Immerhin liegen hier deutliche Missbildungen vor. Nicht zu unterschätzen sind die Folgen eines zu engen Atemwegsausganges in der Nase und der damit zu hohe Atemwiderstand. Im Laufe der Jahre führt dies zu einer mechanischen Schädigung des Gewebes im Rachen- und Kehlkopfbereich. Das Gewebe kann sich verdicken und in Folge werden die Atemwege immer weiter eingeengt. Naheliegenderweise nehmen die Beschwerden dadurch zu.

Interessant sind Vergleiche von Mops, Bulldoggen & Co vor rund 100 Jahren. Seiner Zeit machte der Mops einen recht athletischen Eindruck und besaß noch eine Nase. Dann kam der Mensch mit seinen oft recht eigenwilligen Schönheitsidealen. Alles in der Natur hat ihren Sinn und dementsprechend erfüllt auch die Nase einen sehr wichtigen Zweck.

Es gibt Möglichkeiten die Atemwegsprobleme dieser Qualzuchten zu behandeln. Dennoch sollten sie zuerst einmal verhindert werden. Operationen stehen bereits fast an der Tagesordnung. Hierbei werden das Gaumensegel verkürzt, die zu engen Nasenöffnungen erweitert und bei manchen Hunden werden im Kehlkopf die hervorgetretenen Kehlkopftaschen entfernt. Allerdings führen diese Operationen nicht immer zu den erhofften Erfolgen, insbesondere bei einer extremen Brachyzephalie. Man nimmt an, dass eine wichtige Ursache für die Atemnot die Verstopfung der zu kleinen Nase darstellt. Mit Hilfe der Laserchirurgie kann man hier Abhilfe schaffen und einen neuen freien Atemweg schaffen.

Wie so oft, bleibt es durch die strenge Zuchtauswahl meist nicht allein bei diesen Problemen. Häufig finden wir weitere Fehlentwicklungen. So ist etwa die Zunge bei vielen Hunden im Verhältnis zur Größe der Maulhöhle zu groß, die Knorpel in Kehlkopf und Luftröhre sind besonders beim Mops sehr weich und können kollabieren, häufig finden wir Zahnfehlstellungen. Bulldoggen leiden zusätzlich oftmals an einer Hypotrachea. Das ist eine Luftröhre, die im Durchmesser zu klein ist. Bei vielen Hunden ist zudem die Speiseröhre vor dem Herzen erweitert. Seit langem wissen wir über die häufigen Schwergeburten bei brachyzephalen Rassen sowie um ihre häufig auftretenden und meist chronischen Haut- und Augenprobleme. Die Französischen Bulldoggen zeigen zudem vermehrt angeborene Veränderungen der Wirbelsäule. Außerdem zeigen Untersuchungen, dass Möpse und Bulldoggen zu schweren Fehlbildungen von Gehörgang und Mittelohr neigen.

Bei alledem sollten wir bedenken, dass unsere Hunde obligate „Nasenatmer“ sind. Sie MÜSSEN durch die Nase atmen und entscheiden sich nicht freiwillig dazu wie wir Mensch dies vermögen. Canis lupus familiaris benötigt seine Nase nicht allein zum Atmen und Riechen, sondern er regelt auch seine innere Körpertemperatur über die Nasenatmung.

Aus diesen guten Gründen sind zuchtbedingte Veränderungen der Nase mehr als kritisch unter die Lupe zu nehmen und nicht zu unterstützen. Die natürliche, gesunde Nase des Hundes ist lang. Jede Verkürzung kann zu Einschränkungungen lebensnotwendiger Funktionen führen und in Folge die Gesundheit sowie das Wohlbefinden ein Leben lang beeinträchtigen.

Über viele Jahrtausende wurden Hunde für bestimmte „Zwecke“ oder für einen speziellen „Gebrauch“ gezüchtet. Erst seit rund 100 Jahren gibt es neben den Gebrauchshunden auch sogenannte Schaurassen. Der Gebrauchshund ist meist der gesündere, denn er muss zumindest so gesund sein, um seinen Bestimmungszweck zu erfüllen. Stehen allerdings äußere Merkmale im Vordergrund und fehlt gleichzeitig die Herausforderung, dass bestimmte Aufgaben erfüllt werden müssen, besteht immer die Gefahr, dass die Gesundheit darunter leidet.

Meiner Ansicht nach bedarf hier so einiges einer dringenden Reform in der Hundezucht. Es geht nicht an, dass wir Tiere krank züchten. Solange internationale Rassestandards gesundheitswidrige Elemente enthalten, wird weiterhin die Zucht kranker Hunde und Katzen gefördert. Ein „runder“ (Mops) oder „quadratischer“ (Französische Bulldogge) Kopf schließt Tiere „mit Nase“ von der Rassezucht aus und entspricht einer Aufforderung zur Qualzucht.

 

Hier noch ein paar weitere Auswüchse krankmachender Hundzucht

Zwergwuchs wie etwa bei dem Chihuahua: Veranlagung zu Bandscheibenvorfällen, Wasserkopf, persistierende Fontanelle, Atemstörungen, Fehlstellung von Knochen und Gelenken, Patellaluxation, Schwergeburten, Stoffwechselerkrankungen (Fettlebersyndrom), Legg-Calve-Perthes-Erkrankung (=Zerstörung des Oberschenkelkopfes), atlantoaxiale Subluxation (= unvollständige Ausrenkung der Halswirbel, was zu einer kompletten Lähmung der Extremitäten führen kann), Trachealkollaps (=Zusammenfallen der Luftröhre), haemorrhagischer Gastroenteritis (= blutige Magendarmentzündung). Zwergwuchs finden wir auch bei Yorkshire Terrier, Pekingese, Brüsseler Griffon, Papillon und anderen. 

Riesenwuchs wie etwa bei dem Irischen Wolfshund: Veranlagung zu chronisch degenerativen Gelenkserkrankungen (HD, ED ua.), Panostitis eosinophilica (= schmerzhafte Knochenerkrankung wachsender Hunde großer Rassen), erhöhte Dispositionen zu Osteosarkomen (=bösartige Knochentumore), Herz. Ebenfalls finden wir Riesenwuchs bei der Dogge, Bernhardiner, Mastiff und anderen.

   
© Elke Söllner