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KATZEN und LERNEN ?

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"Katzen, diese Wesen, haben die unmenschliche Geduld der Erde; das ist ein Jahr, was für den Menschen nur eine Sekunde."


(Christian Morgenstern)

 

Da Lernen in der Natur überlebenswichtig ist, sind Frau und Herr Katze keineswegs davon ausgenommen. Die Lerntheorien machen daher auch vor unseren Miezen nicht halt. Dennoch werden sie häufig in ihrem Lernvermögen unterschätzt. Aus dem schlichten Grund, weil sie selbst entscheiden, wann sie was, wie und wo lernen wollen. Ihre Eigenwilligkeit gepaart mit Eigenständigkeit und ihre Selbstbestimmtheit sind schlicht bewundernswert. Manchmal erscheinen sie in ihren Entscheidungen etwas sprunghaft zu sein. Man könnte auch sagen, sie lieben die Spontanität wie die Kinder. Wieder etwas, das wir von ihnen lernen dürfen. Aber wer weiß, vielleicht machen sich unsere Samtpfoten sogar einen kleinen Spaß daraus, nicht für ihre Menschen auf Knopfdruck zu hüpfen und zu springen oder gar in eine Art „Kadavergehorsam“ zu verfallen wie es Hunde oft zu eigen ist.

Der Trend in der Evolution zielt unmissverständlich auf die immer stärkere Entwicklung des Lernvermögens. Man spricht hier von einem so genannten „offenen Programm“, wo reichlichst Spielraum für individuelle Erfahrungen bleibt. Der natürliche Selektionsdruck richtet sich insgesamt auf eine raschere Anpassungsfähigkeit, denn wer anpassungsfähig ist hat immer die besseren Überlebenschancen. Dieser ist allerdings in den verschiedenen Funktionskreisen unterschiedlich stark ausgeprägt. In den mannigfachen sozialen Bereichen ist die Anpassungsfähigkeit eher gering und auf ökologischem Gebiet am größten ausgebildet.

„Nur weil ein Tier nicht auf Knopfdruck tut, was Mensch will, heißt dies noch längst nicht, dass es dumm oder unintelligent wäre“

Gerade Katzen folgen nur zu oft ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Eine besorgte Katze noch intensiver, denn sie muss weit mehr ihrem Drang nach Selbsterhalt Folge leisten. Ein interessantes Detail am Rande ist die Verringerung des Gehirngewichtes als Folge des Domestikationsprozesses. Dies obgleich unser allseits geliebter Stubentiger keineswegs vollends domestiziert ist.

Als Einzelwesen Katze, gehen Samtpfoten unter natürlichen Bedingungen im Laufe ihres Lebens nur zu oft alleine ihres Weges. Daher ist es äußerst sinnvoll, bereits mit einigen Wochen so viel wie möglich im sicheren Kreise von Geschwistern und Mutter zu lernen. Abgesehen davon finden in dieser Lebensphase zahlreiche wichtige Reifungsprozesse statt. Wie bereits in Kapitel 1.1. „Einzelwesen Katze: Samtpfoten´s Entwicklung – ein Abriss“ beschrieben, öffnet die besonders hohe Sensibilität für bestimmte Thematiken in den frühen Entwicklungsphasen Tür und Tor für eine schnelle sowie nachhaltige Aufnahme lebenswichtiger Lerninhalte. Daher auch wieder mein Rat, Katzen lieber etwas länger im Familienverband zu belassen. Da Lernen an sich bis ins hohe Alter stattfindet, ist später zwar nicht alles jedoch zumindest einiges möglich. Die Intensität der Aufnahmefähigkeit, des Lernens, des Übens und des Umsetzens bestimmter Themenbereiche findet sich allerdings später nicht im gleichen Maße wie in den frühen Lebensphasen wieder. Ebenso ergeht es der Nachhaltigkeit des frühen Erwerbs wesentlicher Inhalte. Wie bei unseren Menschenkindern so erhalten auch unsere Kätzchen in der frühen Entwicklung ein Rüstzeug für den Rest ihres Lebens mit. Zuerst gibt man ihnen stabile Wurzeln um ihnen anschließend zu helfen Flügeln wachsen zu lassen. Auch unseren Miezen gebührt die Chance, zu souveränen, selbstsicheren und ausgeglichenen Katzenpersönlichkeiten heranwachsen zu können.

Beispiele unterschiedlicher Lernformen

  • Lernen durch Versuch und Irrtum

  • Lernen durch Einsicht

  • Gewöhnung

  • Nachahmung

  • Prägung (siehe auch Exkurs „Prägung“)

  • Klassische Konditionierung

  • Operante Konditionierung

Wir alle lernen unentwegt“

Anders ausgedrückt: „Lernen findet immer statt“

  • Hat ein Verhalten Erfolg, wird es wieder angewandt

  • Bringt es nicht den erwünschten Erfolg, wird es irgendwann eingestellt

  • Ist ein Verhalten gefährlich wie durch negative oder schmerzhafte Konsequenzen, wird es besser nicht gezeigt und oder eventuell nur kurzfristig unterdrückt

  • Ist es ungefährlich und führt vielleicht sogar noch zu positiven und angenehmen Konsequenzen, kann man es getrost immer und immer wieder zum Einsatz bringen.

  • Bringt es einem ein gutes Gefühl und Vorteile, wird es regelmäßig zur Anwendung gebracht.

Exkurs Phänomen Prägung

Bei der Prägung handelt es sich um ein Phänomen, das mich bereits in meiner Kindheit faszinierte, als ich die Bücher von Konrad Lorenz wälzte. Zum Ursprung des Begriffs der „Prägung“ verwies bereits Konrad Lorenz 1935 auf die geleistete Arbeit von Oskar Heinroth auf diesem Gebiet. Der Begriff der „Prägung“ wurde zwar von Oskar Heinroth bereits geprägt, allerdings hatte auch dieser in Douglas Alexander Spalding (1840-1877) einen mehr als würdigen wegbereitenden Vorgänger. Er beschrieb bereits im Jahre 1873 wissenschaftlich vollkommen korrekt das Phänomen der Prägung. 1890 wurde Douglas Alexander Spalding von William James in seinen „Principles of Psychology“ zitiert. Aus diesem Grund gilt Spalding auch als der eigentliche Entdecker der Prägung, zumindest im englischen Sprachraum. Es sei allerdings angemerkt, dass dieses Phänomen an sich schon länger bekannt war. Thomas Morus beschrieb es etwa in seinem Werk „Der utopische Staat“. Auch Tierzüchtern dürfte es bekannt gewesen sein, wenn sie Küken anderen Müttern als ihre leiblichen unterschoben.

Definition

Bei der Prägung handelt es sich um einen sogenannten obligatorischen Lernvorgang, der sich auf ganz bestimmte Verhaltensweisen bezieht. Dieser kann in der Ontogenese nur einmal und zwar in einer sogenannten „sensiblen Phase“ stattfinden. Der Prozess ist irreversibel und späteres Umlernen ist daher nicht möglich. Grob wird zwischen Objektprägung und der motorischen Prägung unterschieden. Zudem kann man Prägung von Lernen und dem Prozess des Reifens zusätzlich abgrenzen.

In den sogenannten „sensiblen Phasen“ sind die Schleusen für rascheres intensiveres sowie irreversibles Lernen ganz bestimmter Inhalte um vieles weiter geöffnet. Man kann sie sich vereinfacht ausgedrückt als Zeitfenster für ganz bestimmte Lernerfahrungen vorstellen. Bei dieser einzigartigen Form des Lernens, der sogenannten „Prägung“, behalten Lebewesen die erworbenen Inhalte Zeitlebens. Sie sind nicht wieder zu löschen. Derartige „Prägungserscheinungen“ in den „sensiblen Phasen“ sind auf bestimmte Altersstufen beschränkt. Meist finden sich diese in frühen Entwicklungsstufen (wie etwa die bereits beschriebene zweiten bis siebente Lebenswoche unserer Stubentiger) und sind nur relativ kurz. In diesen Phasen ist die maximale Lernfähigkeit gegeben. In der Natur hat alles einen Sinn, so auch die frühen „sensiblen Phasen“. Denn, solange das Kätzchen im wohl behüteten wie sicher geschützten Familienverband eng mit seinen Artgenossen lebt, hat es die besten Möglichkeiten wie Voraussetzungen zügig wesentliche und äußerst nachhaltige Erfahrungen und Kenntnisse für den Rest seines Lebens zu sammeln.

Ein bekanntes Beispiel aus der Verhaltensforschung (Ethologie) sind die Untersuchungen zur „Nachfolgeprägung“ der Graugänse von Konrad Lorenz. Der Gänsenachwuchs lernt erst nach der Geburt wer die Mutter ist. Den Küken ist das Mutterbild nicht angeboren, wenn man so will. Daher nähern sie sich instinktiv in den ersten Lebensstunden jedem beliebigen Objekt ihres näheren Umfeldes, das sich bewegt und regelmäßige Lautäußerungen absondert. In diesem Fall war es Konrad Lorenz und die Gänseküken folgten ihm, wie normalerweise ihrer Mutter. Man kann in diesem Zusammenhang auch von „Fehlprägungen“ sprechen. Wie bereits beschrieben sind „Prägungen“ irreversibel.

Sogenannte Fehlprägungen finden wir ebenso bei der „sexuellen Prägung“. Diese sind insofern interessant, weil der Zeitraum zwischen der „Prägung“ auf das jeweilige Objekt bis zur Ausführung des Verhaltens relativ groß sein kann. Mit anderen Worten ist die „sensible Phase“ längst abgeschlossen, ehe das Verhalten auftritt. In diesem Fall ehe das Tier sexuell aktiv wird. Meine mit der Hand aufgezogene Dohle „Habakuk“ war auf mich „sexuell fehlgeprägt“. Dies erfuhr ich aus der Literatur von Konrad Lorenz, die ich als junges Mädchen verschlang. Ich wunderte mich, dass all meine Auswilderungsversuche fehl schlugen und wollte wissen warum. Da Dohlen Einehen eingehen, blieb ich für „Habakuk“ der männlicher Part in dem Gespann. Sehr berührend und ich hoffe sehr, sie hatte dennoch ein gutes Leben. Zumindest flog sie nie davon und kam nach ihrem täglichen Freiflug uneingeschränkt vertrauensvoll zu mir. Ansonsten lebte sie in einer Voliere im Garten um vor den Katzen geschützt zu sein, vor denen sie keinerlei Scheu zeigte.

„Das Hirn ein wenig auf Trab gebracht, denn denken macht bekanntlich müde“

Wenn wir unserer Samtpfote etwas beibringen möchten, machen wir uns die Lerntheorien zu nutze. Es muss sich für Frau und Herr Katze auf die eine oder andere Art lohnen, etwas Neues zu lernen. Mit anderen Worten muss es für unseren Stubentiger Sinn machen und sei dieser ein besonderer Happen Futter. Katzen sind sehr intelligente Beutegreifer, die gerne lernen, sofern es ihnen einen Vorteil bringt. Dies lässt sich unter anderem wunderbar daran ableiten, dass sie mit Freude neue Strategien bei der Jagd entwickeln. Wenn man mit seiner Samtpfote Neues einübt, gezielt trainiert, verlieren unsere Stubentiger rascher das Interesse, haben oft eine geringere Ausdauer als etwa Hunde. Um Frustrationen zu vermeiden, wählt man kurze Trainingseinheiten. Unsere Kreativität ist immer wieder gefordert, Frau und Herr Katze bei der Stange und ihre Motivation wach zu halten.

Das sogenannte Clickertraining (Markertraining) etwa ist eine ausgezeichnete Methode um unserem Stubentiger eine interessante Beschäftigung sowie Abwechslung zu verschaffen. Zudem lassen sich unsere Samtpfoten mit dieser für Katzen sehr geeigneten Technik sanft erziehen.

Die natürlichste Beschäftigungsvariante für das Raubtier Katze ist die Jagd, am besten in dem wir einer Beuteattrappe Leben einhauchen und mit unserer Mieze ganze Sequenzen des Jagdablaufes durchspielen. Immerhin haben wir uns einen spezialisierten Beutegreifer ins Wohnzimmer geholt, dem wir auf diese relativ einfache Art nicht nur wahre Glücksgefühle schenken, sondern auch dazu verhelfen, ihr Katzenwesen auszuleben. Katzen mit Freigang holen sich ihre Jagdobjekte zumeist im Garten, im nahen Wald oder auf der Wiese. Eine kleine Spieleinlage dort und da macht aber auch diese Miezen froh und verbessert eine angeschlagene Katze-Mensch-Beziehung.

 

Bei allen Maßnahmen die wir zur Anwendung bringen, sollten wir uns immer überlegen, was unsere Samtpfote lernen soll"

Ob der hohen Sensibilität unsere Samtpfoten möchte ich Folgendes betonen. Eine ohnedies bereits gestresste oder auch nur besorgte Katze wird durch lauteres Schimpfen oder Bestrafen nur noch mehr verunsichert. Zudem wird die Bindung an den Menschen belastet bis geschädigt. Bestraft man ein Verhalten, wird es nur unterdrückt. Eine Art Lücke eröffnet sich, die wir mit einer Alternative zu füllen haben. Mit anderen Worten, wenn wir ein Verhalten unterbrechen, dann sollten wir unserem Stubentiger eine reizvolle andere Handlungsweise offerieren. Die schonenste Variante ist das Ignorieren der unerwünschten Verhaltensweise sowie parallel eine lohnenswerte schmackhafte Alternative anzubieten und diese konsequent zu bekräftigen. Diese Methode zeigt durchaus tiefgreifende Erfolge, erfordert allerdings von uns Geduld, Nachsicht und Durchhaltevermögen sowie Konsequenz. Wir könnten diese sinnvolle Trainingsmethode durchaus auch als Übungsfeld für uns selbst wahrnehmen.

Da diverse Tipps und Tricks wie etwa das doppelseitige Klebeband oder generell die "anonyme Bestrafung"  immer mit viel Fingerspitzengefühl und nie leichtfertig eingesetzt werden sollten, gehe ich hier nicht näher darauf ein. Hierzu berate ich lieber im konkreten individuellen Einzelfall.




   
© Elke Söllner