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Kommunizieren, Beruhigen, Drohen, Beissen

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Hunde sind als Rudeltiere hoch soziale Lebewesen. Für den Hund gibt es kein richtig oder falsch. Verhalten funktioniert oder funktioniert eben nicht. Ist sicher oder gefährlich. War der Hund mit seinem Verhalten erfolgreich, wird er es wieder anwenden, lernfähig wie er ist. Der Situation angemessen aggressives Verhalten ist normal, ist Kommunikation und keinesfalls gleich als pathologisch zu werten. Das bedeutet nicht, dass es immer zu akzeptieren ist. Vehalten muss immer im Gesamtkontext und im Wechselspiel von Anlage und Umwelt betrachtet werden. Was war vorher?

 "Wohl gibt es Aggression ohne Liebe, aber keine Liebe ohne Aggression." (Konrad Lorenz)

Wir wollen hier nichts schön reden. Es gibt Hunde, die mit aggressivem Verhalten sehr erfolgreich waren oder kleine Kämpfernaturen sind und sich daher weiterhin aggressiv verhalten. Wir unterscheiden zwischen defensiv und offensiv aggressivem Verhalten. Hier gebe ich nur einen kurzen Einblick in einen möglichen Kommunikationsverlauf bei einer Begegnung mit defensiv aggressivem Charakter und dem Ziel der Distanzvergrößerung zum Auslöser.

1) Beruhigungssignale dienen einerseits der Vermeidung einer als bedrohlich wahrgenommenen Situation bis hin zur Vermeidung einer möglichen aggressiven Auseinandersetzung. Andererseits setzen Hunde diese ebenfalls ein um sich selbst in bestimmten Situationen eine Art innere Beruhigung zu verschaffen, etwa indem er sich über seine Nase leckt. In der Kommunikation mit anderen Hunden signalisiert der Hund dem Gegenüber seine friedlichen Absichten oder dass er bitte in Ruhe gelassen werden möchte. Das heißt nicht, dass alle Hunde dies respektieren. Beispiele für Beruhigungs- oder sogenannte Beschwichtigungssignale sind Abwenden des Kopfes oder des gesamten Körpers; Blickkontakt abbrechen; Hinsetzen oder Hinlegen; sich langsam bewegen; sich dem anderen Hund in einem Bogen nähern (höfliches Hundeverhalten), sich über die Nase lecken.

Half dies alles nichts, ist Flucht nicht möglich und fühlt sich der Hund weiterhin in einer für ihn subjektiv erlebten gefährlichen, bedrohlichen Situation, folgt meist die nächste Stufe zur Distanzvergrößerung:

2) Drohverhalten dient ebenfalls der Kommunikation und ist ernst zu nehmen, egal ob defensiver oder offensiver Natur.  Drohsignale dienen dem Hund die Distanz zum Auslöser zu wahren oder zu vergrößern. Er sagt auf gut Deutsch: „Bleib wo Du bist!“ „Komm mir nicht zu nahe!“ „Verzupf Dich!“ oder auch „Das ist meins!“ - bei Ressourcenverteidigung (eigenes Kapitel). Es gibt grosse individuelle Unterschiede beim Durchlaufen des Drohverhaltens, die unter anderem von der Reizschwelle und der Impulskontrolle des Hundes abhängig sind.

  • Einfrieren ist häufig bei "Ressourcenverteidigung" (Ressourcen wie Futter, bevorzugte Liegeplätze, Spielzeug, Mensch) als erste Stufe des Drohverhaltens zu beobachten.
  • Knurren. Knurren ist nicht gleich Knurren, aber immer noch besser als rasches Zubeissen.
  • Hochziehen der Lefzen oder sogenanntes Fletschen der Zähne mit Runzeln des Nasenrückens: Je unsicherer, ängstlicher der Hund, desto mehr seiner Zähne = Waffen wird er zeigen. Zurückgezogene Maulwinkel sind kennzeichnend. Das Maul kann weit geöffnet werden. Insbesondere wenn Flucht nicht möglich ist gilt das Motto: "Angriff ist die beste Verteidigung". Je selbstischerer der Hund, desto weniger Waffen = Zähne muss er präsentieren.  Daher sind die Maulwinkel auch rund und kurz. Auch hier gilt Vorsicht walten lassen.
  • Schnappen: Dies ist ein Biss in die Luft, bei dem der Hund absichtlich nicht verletzt.
  • Eventuelles Vorspringen in Verbindung mit Knurren, Schnappen... ist möglich.
  • Bellen als Warnung lernte der Hund im Zusammenleben mit dem Menschen. Manchmal wedelt der Hund zeitgleich mit dem Schwanz und dies macht seine Ambivalenz deutlich. Häufig ist diese Warnung bei unsicheren und eher ängstlichen Hunden zu beobachten. Das Ziel ist, die Distanz zum Auslöser zu vergrößern. Eine diplomatische Form der Kommunikation aus Hundesicht.Die Angstkomponente ist zumeist größer als die Aggressionskomponente. Vorausgesetzt, der Hund wird nicht in die Enge getrieben. Dann folgt Selbstverteidiung.

3) Beissen, wenn alles nichts half! Die Heftigkeit kann sehr unterschiedlich ausfallen: Wie hoch ist die Motivation? Wie sehen die Erfahrungswerte aus? Hat sich der Hund in der Vergangenheit bereits „durchgebissen“, also Erfolg mit seinem Verhalten gehabt? Hunde sind Raubtiere, tragen Waffen im Maul und können beissen. Kein Hund beisst ohne Grund. Selbstverteidigendes Verhalten ist ein häufiger Grund.

TIPP: Einem fremden Hund besser nicht direkt in die Augen blicken oder gar anstarren! In der Hundekommunikation kann dies einer Provokation gleichkommen und ist häufig mit aggressiven Absichten verbunden - Drohfixieren. Eine deutliche Spannung im Hund ist zu beobachten. Einen unsicheren, ängstlichen Hund kann Anstarren noch mehr verunsichern und zu einem aggressiven Gegenschlag (defensiv aggressives Verhalten) verführen. Nicht jeder Hund mag es angefasst zu werden. Auch sie haben eine Individualdistanz. Selbst wenn der Hund gut sozialisiert ist, mag er Umarmungen und Kopfgetätschle nicht besonders. Er lernte es zu tolerieren und nicht mehr als bedrohlich wahrzunehmen.

Exkurs: Beruhigungssignale und Übersprungshandlungen zeigen Hunde auch, wenn sie sich in der augenblicklichen Situation nicht wohl fühlen. Gesamtzusammenhang betrachten!

Schon einmal bei ihrem Hund beobachtet? Nach einer stressvollen oder unangenehmen Situation schütteln sich Hunde gerne im wahrsten Sinne des Wortes den Stress befreiend aus ihrem Pelz. Splitten: ein dritter Hund trennt zwei Hunde, indem er sich dazwischen "drängt". Wir können uns dies bei heiklen Hundebegegnungen zu Nutze machen. Ausstrecken der Vorderläufe mit gesenktem Oberkörper ist nicht unbedingt nur Strecken, sondern kann auch die neutrale offene Stimmung für das was jetzt kommen mag anzeigen.

Stichworte weiterer Themen: Ressourcenverteidigung, Selbstkontrolle, Frustrationstoleranz, Knurrschwelle, Schnappschwelle, Beissschwelle, Verhaltensunterbrechung

 

   
© Elke Söllner